Jahreszeitenwechsel

November, kein Advent, ploetzlich irgendwie Weihnachten, dann Urlaub, schliesslich Silvester; ..3,2,1 Schock!

Ungefaehr so koennte man die letzten zwei Monate meines Freiwilligendienstes in Ecuador beschreiben. Ja, es ist schon 2017, das Jahr meiner Rueckkehr nach Deutschland. Das ist jetzt nicht so schlimm wie das Gefuehl, schon 4 1/2 Monate hier zu sein. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob ich das jetzt viel nennen kann, immerhin waren diese voll an Aktivitaeten und Arbeit, oder ob das wenig ist. Das Zeitgefuehl ist voellig verrueckt, vor allem wenn man bedenkt, dass sich jeder Tag vom Wetter gleich angefuehlt hat, es gab hier keinen Herbst, wo die Blaetter sich gefaerbt haben, dann abgefallen sind, auch keinen Wintereinbruch von -15 Grad C, wie ich es von Deutschland gehoert habe. Komischerweise beginnt fuer die Ecuadorianer jetzt gerade der Winter, obwohl wir eigentlich auf der Suedhalbkugel gelegen sind, zumindest soll es bis April nachmittags jetzt mehr regnen.  Jedenfalls ist in den letzten  zwei Monaten doch ziemliech viel passiert, Vorweihnachtszeit, Weihnachten und Silvester etwa, eine sehr spannende Zeit.

El año viejo habe ich zum ersten Mal in meinem Leben am Strand verbringen duerfen, in der kleinen nicht ganz untouristischen Stadt Puerto Lopez. Wir haben zwar nicht mit der Familie  gefeiert, trotzdem wollten wir uns auf keinen Fall die Braeuche entgehen lassen, mit denen die Ecuadorianer das Jahr ausschweifen lassen. Feuern wir in Deutschland Raketen in die Luft und lassen es krachen, um boese Geister fernzuhalten, werden hier muñecos bzw. monigotes verbrannt. Das sind handgefertigte Puppen, meisst aus altem Zeitungspapier, Farbe und alter Kleidung hergestellt. Diese werden kurz nach Mitternacht verbrannt. Jedoch nicht um Geister fernzuhalten, sondern um gesammelt alles Boese und Schlechte des vergangenen Jahres zu verbrennen. Die monigotes koennen alle verschiedenen Formen annehmen; Kinderserienfiguren, Marvelfiguren, Fussballer, bekannte Persoenlichkeiten, Tiere und viel mehr. Wir haben uns zusammen auch eine kleine Teufelsfigur gekauft und haben ihr den Namen des wohl in letzter Zeit am haufigsten diffamierten amerkanischen Politikers gegeben. Neben diesem interessanten Brauch ist es hier auch ueblich, 12 Sekunden vor Mitternacht genau 12 Weintrauben zu essen. In dieser Zeit haetten wir es wohl nicht geschafft, deswegen haben wir schon zwei Minuten vorher angefangen, fuer jeden Monat eine. Ja, wie gesagt, ohne es wirklich zu realisieren kam dann der Countdown, und es waren wohl wirklich nur wir Deutschen, die um 0:00 gejubelt haben, an den Ecuadorianer ist das irgendwie vorbei gegangen. (Oder ich habe es in meiner Fassungslosigkeit nicht mitbekommen..) Es ist eigentlich Silvester, dass in den ecuadorianischen Familien mehr gefeiert wird als Weihnachten, so wurde in unserer Gastfamilie zum Beispiel ein grosses Fest mit mehr als 30 Leuten gefeiert, so kann ich nicht sagen, wie der Jahreswechsel in meiner oder in anderen ecuadorianischen Familien gefeiert wird, im Nachhinein sogar etwas schade. Jedoch war am Strand die Stimmung eher ruhiger, ein paar Feuerwerkskoerper waren aber doch zu sehen. Wir selber hatten ein paar Knallkoerper, es ist leider illegal und sehr schwierig hier an richtige Boeller ranzukommen. Trotzdem war Silverster und el año nuevo ein tolles Erlebnis, nicht immer kann man da mit einem batido am Strand sitzen und unter einem Pavillion barfuss zu lateinamerikanischer Musik tanzen. Neujahr haben wir ganz entspannt an Ecuadors schoenstem Strand „los frailes“ verbracht.

Ein paar Tage vorher haben wir die Schwester meines Gastvaters in Santa Domingo besucht. Diese Stadt hat einen ganz eigenen Charakter, denn sie wurde erst vor ca 100 Jahren gegruendet (also keine Kolonialstadt) und ist heute die 4. groesste Stadt Ecuador. Als die neue Handelstrasse zwischen Quito (Sierra) und Esmeraldas (Costa) entstand kam es an dieser zu einem hohen Grad von Migrantenstroemungen und somit zu einer zum grossen Teil sehr unkontrollierten Verstaedterung. So leben hier heute viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Regionen (Provinzen der Costa, Chimborazo, Tungunragua, Kolumbien, Peru), was es der Stadt eine schwierige Aufgabe macht, eine Identitaet zu finden. Auf eine Sache scheint diese Stadt aber stolz zu sein (jedenfalls wirkt es so aufgrund des Namens der Stadt und der vielen Monumente): Santo Domingo de los colorados o de los Tsachilas traegt diesen Namen, weil sie auf dem Gebiet eines praeinkanischen Volkes gegruendet ist. Den Tsachilas (bedeutet in deren Sprache in etwa wahre Menschen, der Beiname colorados wurde von den Spaniern gegeben (Rassismusgefahr..)). Heute gibt es aber nur noch ca. 300 Familien, die von Landwirtschaft und Tourismuseinnahmen leben. So haben auch wir eine Familie besucht, dabei haben wir diese Menschen in voller Tracht bestaunen duerfen,  wir haben einen kleinen Part eines Tanzrituals gesehen und ich wurde Zeuge einer traditionellen Saauberung. Ich fand es etwas schade, das diese Familie der Tsachilas uns nur diesen Teil ihrer Kultur gezeigt haben, viel mehr haette mich interessiert, wie sie leben, wofuer sie leben oder wie sie damit umgehen, eine Minderheit zu sein. Aber anscheinend ist dies normalerweise nicht von touristischem Interesse sondern es ist spanndender wenn ein Indianer einen Holzspeer demonstrativ in einen Baum wirft…

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Ueber Weihnachten und die Weihnachtszeit zu berichten ist fuer mich etwas schwierig, deswegen beschreibe ich einfach mal das, was ich hier erlebt habe. Zunaechst einmal ist der Brauch des Adventes hier kaum vorhanden, es gibt kein allsontagliches Zusammensein mit Plaetzchen, Tee und Gesang, wie ich es in Deutschland gewohnt bin. Dafuer gibt es aber die novena. Das sind neun Tage vor Weihnachten (beliebig auswaehlbar welche Tage), an denen eine bestimmte Gruppe von Menschen (ein Stadtviertel, eine Arbeitstelle, Familie..) sich trifft und miteinander Bibelstellen liest, Predigen hoert, betet und dabei Villancicos (Weihnachtslieder von hier) singt. Am Ende dieser Novena gibt es eine kleine Feier und eine pasa del niño. Bei dieser wird eine kleine Keramikpuppe (el niño), die das Jesuskind darstellt, zu einer Kirche gebracht. Das aehnelt einem Umzug oder einer Parade, denn es wird sich verkleidet und getanzt. Ich durfte  bei dem Umzug meines Stadtviertels mittanzen. In der Kirche wird dann ein kleiner Gottesdienst zu Ehren des Jesuskindes gehalten, bis wieder zurueckgegangen wird. Wieder zurueck im Gemeindehaus wurden dann fundas de caramelos an die Kinder verteilt. Das ist ein sehr schoener Brauch in Ecuador. Dabei kommen mehrere Familien zusammen, um gemeinsam Plastiktueten mit verschiedenen Suessigkeiten zu fuellen, um sie spaeter zu verteilen. Und so wie ich es mitbekommen habe bemueht sich fast jede Familie je nach dessen Moeglichkeiten an diesem Brach mitzuwirken. Heiligabend selber haben wir zunaechst in der kleinen Familie gefeiert (sprich Norma, Julio, Kathy, Hannah). Um nicht jedem ein Geschaenk kaufen zu muessen haben wir gewichtelt, ich habe ein Parfum von meiner Gastschwester bekommen sowie einen Pulli von meinen Gasteltern. Gesungen haben wir nicht, dafuer gab es aber ein kleines Kaffee-Essen und danach haben wir mit Wein angestossen. Spaeter sind wir dann zu Julios Familie gefahren, dessen Mutter hatte uns ein leckeres pollo con arroz (Huehnchen mit Reis) zubereitet. Die Muedigkeit war dann auch schnell verflogen, denn danach wurde noch zu Salsa und irgendwelchen traditionellen Rythmiken getanzt. Muessen immer die Ecuadorianer uns erklaeren, wie die Tanzschritte funtionieren, fand ich es auch mal cool ihnen zu zeigen, wie man zu dem einzigen deutschem Lied, dass sie kennen, tanzt: Moskau von Dschingis Khan. 😉 An den Weihnachtsfeiertagen ist dann nicht mehr viel Spektakulaeres passiert, ausser dass die pasas del niño anscheinend doch noch nicht zu Ende waren, wir dachten dann bis zum 6. Januar. Morgen (14.1.) ist der Naechste, von der Fussbalmanschaft meines Gastbruders…

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Das Jesuskind ist der Hauptanlass

Aus Deutschland habe ich die Kommentare bekommen, geniesse die Weihnachtszeit, das wird dort bestimmt viel bunter gefeiert als hier. In den Gespraechen mit anderen Freiwilligen wurde immer wieder betont, wie kitschig der Weihnachtsschmuck ist, dass keine Weihnachtsstimmung vorhanden ist, es fehlen ja Plaetzchen, Tee, Gesang, die Dunkelheit und Kaelte, Familie und und und… Das hat mich ziemlich geaergert. Ich muss natuerlich zugeben, dass mir genau die gleichen Sachen gefehlt haben, dass ist eine ganz normale Reaktion meiner Meinung nach. Viele haben dann auch gesagt, man bekommt zwar keine richtige Weihnachtsstimmung, aber die Ecuadorianer haben die bestimmt mit ihren Braeuchen, mit ihren nervig blinkenden Weihnachtsbaeumen, die schon seit November im Haus stehen. Das finde ich auch wichtig zu erkennen, dass die Ecuadorianer mit ihrer Art und Weise Weihnachten zu feiern ihre eigene Weihnachtsstimmung bekommen. Aber ich finde es schade, in diesem Punkt ueberhaupt zu vergleichen, anstatt sich einfach auf Weihnachten einer anderen Kultur zu freuen und einzulassen. Waeren wir in einem Land gewesen, in dem Weihnachten gar nicht gefeiert wird, haette uns Weihnachten dann ja auch gefehlt, aber keiner von uns waere enttaeuscht gewesen. Im Nachhinein fand ich Weihnachten eine sehr schoene Zeit, denn es war mal eine Abwechslung zum Alltag.

Was gibt es aus der Arbeit Neues? Nun drei Wochen vor Weihnachten wurde ich gebeten, fuer das Weihnachtsfest der Fundacion ein Programm zu gestalten, an dem moeglichst viele der muchachos mitwirken koennen. So habe ich mir ueberlegt, ein kleines Theaterspiel vorzubereiten, bei dem die tres reyes magos auf dem Weg zur Krippe sind und dem Jesuskind zuerst ihre Geschenke darlegen und ihm danach fuer seine Ankunft danken. Danach wenden sich diese den Eltern der beneficarios zu und fragen diese, wofuer sie im vergangenem Jahr danken wollen. Am Ende wurde am es ein Mimik-Gestik-Theaterstueck, da es doch zu schwierig gewesen waere, die Schauspieler Texte auswendig lernen zu lassen. Zusaetzlich haben wir einen kleinen Tanz zu dem Lied Feliz navidad eingeeubt. Die Weihnachtsfeier war schliesslich ein schoenes Beisammensein mit beneficarios, Personal und Eltern. Als ich nach einer Woche Urlaub wieder in die fundacion kam, hat mich das erwartet, was ich eigentlich schon wusste, aber mir nicht vorstellen konnte: Alle 4 hauptprofessionellen Angestellten Mitarbeiter und inzwischen auch meine Freunde wollen/duerfen nicht mehr Arbeiten. Da auch die Praktikanten nicht mehr da waren waren Dana, ich und unsere Chefinnen quasi alleine da, um die beneficarios zu betreuen. In Deutschland haette es vielleicht einen reibungslosen Uebergang gegeben, Stand jetzt nach zwei Wochen hat die fundacion aber erst zwei Neue gefunden: Den Fisiotherapeuten und eine, die in der oficina arbeitet. 2 Logopaeden fehlen uns immer noch. Ich kann nicht sagen, inwiefern unsere Chefin dieses Problem schon frueher haette loesen koennen, denn zusaetzlich macht uns das Ministerium der sozialen Eingliederung Probleme. So koennen wir zur Zeit auch nur bis 12:00 arbeiten, da uns kein Geld zum Mittagessen zur Verfuegung gestellt wird, vielleicht liegt es auch an diesem, dass wir noch kein neues Personal bekommen haben. Das kann eigentlich nicht so weitergehen, denn es ist auch quasi unmoeglich, den Eltern hoehere Monatsbeitraege aufzutischen. Einer der Ehemaligen, der selber fuer dieses Ministerium gearbeitet hat meint, dass diese Situation vielleicht schon naechste Woche geloest sein wird, aber es auch moeglich ist, dass wir noch ein paar Monate so weiterarbeiten muessen, wie wir es gerade machen. Hoffentlich findet sich bald eine Loesung..

Was erwartet mich im Neuem Jahr? Ich habe einige neue Pflichten und Wuensche, um die ich mich langsam mal kuemmern muss. Erstmal mit der neuen Situation in der Arbeit zurechtkommen und mir auch neue Aufgaben suchen, die ich in meiner Musiktherapie durchfuehren kann. In meiner Freizeit mehr Sport machen, mir vielleicht ein Fussbal oder Basketballteam suchen und mehr Gitarre ueben (ich habe mich auch jetzt in einen Kurs eingeschrieben). Selber will ich auch versuchen etwas entspannter und gelassener zu sein, da ich in den letzten Wochen doch etwas ueberfordert war mit einigen Situationen und oft gestresst war. Zusaetzlich sollte ich wieder etwas aufmerksamer sein und nicht so leichtsinnig. Zuerst wurden mir im Nachtbus alle Wertsachen geklaut als ich geschlafen habe, nur dank einer Mitfreiwilligen konnte ich das bemerken und den Dieb auffordern, mir alles wieder zurueckzugeben. Zwei Wochen spaeter war mein Fahrrad nach dem Fahrradunterricht ploetzlich verschwunden, zwei Tage spaeter kommt eine Frau in den Unterricht und fragt, ob wem ein Fahrrad abhanden ist, sie habe jemanden gesehen, der es klauen wollte und hat es zu sich in ihr Haus gestellt. Zwei mal richtig Glueck gehabt, nur die paar Kabel, die ich vermisse habe ich noch nicht gefunden.. Was mir aber noch mehr Sorgen bereiten sollte, ist die Frage nach dem Studiengang. In den naechsten Wochen sollte ich nun wirklich mal ueberlegen, was, wo und wie ich studieren moechte.

Hier noch ein paar Eindruecke vom schoenen Ecuador:

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Bis zum naechsten Mal!

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